Frage: „Ein Bewohner meiner Gruppe lehnt trotz starker Gangunsicherheit und zahlreicher Stürze in der Vergangenheit jede Form von Hilfsmitteln wie Rollatoren oder Hüftprotektoren strikt ab. Er möchte seine Autonomie bewahren und fordert sein Recht auf Freiheit ein. Mein Team steht unter großem Druck, da die Angehörigen bei jedem Sturz mit rechtlichen Schritten drohen. Wie gehen wir ethisch und rechtlich mit diesem Spannungsfeld um?“ (Martina S., Hamburg)
Antwort: Das von Ihnen beschriebene Dilemma gehört zu den schwierigsten Aufgaben in der stationären Langzeitpflege. Rechtlich ist die Lage eindeutig: Das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen ist ein hohes Gut und durch das Grundgesetz geschützt. Verfügt der Bewohner über die notwendige Einsichtsfähigkeit, darf er Maßnahmen zur Sturzprophylaxe ablehnen, selbst wenn dies zu schweren Verletzungen führt. Die Fürsorgepflicht Ihrer Einrichtung bedeutet keineswegs, dass jeder Unfall um jeden Preis verhindert werden muss.
Entscheidend für Ihre Absicherung ist hierbei die lückenlose Dokumentation. Sie müssen nachweisen, dass Sie den Bewohner umfassend über die bestehenden Risiken aufgeklärt und ihm verschiedene Alternativen angeboten haben. Ein gemeinsames Beratungsgespräch mit dem Bewohner, dem Team und gegebenenfalls dem rechtlichen Vertreter ist hierfür absolut unerlässlich. Sollten die Angehörigen mit rechtlichen Schritten drohen, dient dieses Gesprächsprotokoll als Ihr wichtigster Schutzschild.
Problematisch wird es erst, wenn die Einsichtsfähigkeit aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz fehlt. In diesem Fall tritt der mutmaßliche Wille in den Vordergrund. Dennoch dürfen freiheitseinschränkende Maßnahmen wie Gurte oder Bettgitter nur als allerletztes Mittel und nach richterlicher Genehmigung eingesetzt werden. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf eine sturzsensitive Umgebungsgestaltung, wie z. B. Niedrigflurbetten oder Sensormatten, die die Freiheit nicht einschränken, aber die Folgen eines Sturzes abmildern können. Eine offene und ehrliche Kommunikation mit den Angehörigen über die natürlichen Grenzen der Sturzvermeidung ist dabei der entscheidende Schlüssel zur Entlastung des Teams.
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