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Mit 12 positiven Interaktionen fördern Sie die personenzentrierte Haltung

Der Expertenstandard nimmt explizit Bezug auf den Ansatz von Tom Kitwood in der Arbeit mit Menschen mit Demenz. Er hat den Begriff der personenzentrierten Haltung geprägt. Wesentlich ist dafür, dass […]

Sandra Herrgesell

01.10.2024 · 4 Min Lesezeit

Der Expertenstandard nimmt explizit Bezug auf den Ansatz von Tom Kitwood in der Arbeit mit Menschen mit Demenz. Er hat den Begriff der personenzentrierten Haltung geprägt. Wesentlich ist dafür, dass alle Menschen in ihrer Einzigkeit respektiert werden. Und wenn er sich auch auf Menschen mit Demenz bezieht, ist der Ansatz doch in allen Beziehungen sehr wertvoll. Auf der Grundlage seiner Forschung hat Kitwood 12 positive Interaktionen benannt, die Sie schulen und diskutieren sollten. Diese Interaktionen sollten Grundsätze Ihres pflegerischen Handelns im Alltag sein, sie prägen unter anderem die Haltung im Umgang mit Menschen mit Demenz und sollten in die Arbeit immer wieder einfließen. So könnten Ihre Grundsätze formuliert sein und als Grundlage für Diskussion und Schulung dienen:

  1. Wir erkennen jeden Pflegekunden an. Alle Menschen sind einzigartig. Das heißt, sie werden respektiert. Dies drücken wir sowohl sprachlich als auch körpersprachlich aus. Das heißt, wir beschränken uns nicht nur auf Worte, denn zu einer guten Beziehung gehören auch Kontaktangebote, die nonverbal sein können. Wir sind empathisch, nehmen Blickkontakt auf, hören zu. Negative Verhaltensweisen, wie Ignorieren oder Infantilisieren, sind tabu. Wenn wir diese Verhaltensweisen bei anderen bemerken, sprechen wird dies an. Wir sprechen nicht nur mit unseren Pflegekunden anerkennend und respektvoll, sondern auch im Team und reflektieren unsere Verhaltensweisen individuell, im Team und im Rahmen von Fallbesprechungen. Auch kulturelle Besonderheiten erkennen wir an und wir versuchen, sie in unseren Handlungen zu berücksichtigen.
  2. Wir erkennen den Willen des Menschen mit Demenz an. Kitwood spricht in diesem Zusammenhang von „Verhandeln und Aushandeln“. Wir wenden keinen Zwang an, sondern respektieren die Wünsche unserer Pflegekunden in Bezug auf das Zubettgehen, Essenszeiten, pflegerische Handlungen, Tagesstruktur und Betreuung. Wenn wir hierbei an ethische Grenzen kommen, z. B. bei Ernährungsrisiken, führen wir eine Fallbesprechung durch. Dabei arbeiten wir mit Bezugspersonen eng zusammen.
  3. Wir arbeiten mit den Pflegekunden zusammen. Menschen mit Demenz werden angeleitet und unterstützt, wenn sie dies wünschen oder es erforderlich ist. Dabei beziehen wir vorhandene Fähigkeiten und Vorlieben ein. Wir arbeiten grundsätzlich mit dem Pflegekunden – und nicht an ihm oder über ihn hinweg.
  4. Wir bieten die Möglichkeit zu spielen an. Wo immer es möglich ist, integrieren wir spielerische Aktivitäten in den Alltag. Wenn unsere Pflegekunden dazu in der Lage sind und es möchten, bieten wir ihnen die Möglichkeit an, z. B. in der Gruppe zu spielen. Wir nehmen das Tempo aus dem Alltag und sorgen für Stimulation durch Farben, Formen und Aufgaben. Wir sorgen für sinnliche Anregungen durch Berührungen, Sehen und Hören.
  5. Wir „ehren“ unsere Pflegekunden. Wir stellen Zugang und Kontakt zu unseren Pflegekunden her, unabhängig von ihren intellektuellen Fähigkeiten. Dabei spielen insbesondere sensorische und sinnesbezogene Interaktionen, wie z. B. Aromatherapie oder Berührung, eine Rolle. Tom Kitwood benutzt hier das Wort „Timalation“. Es stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Ich ehre dich“.
  6. Wir feiern und alle können dabei sein. Feste und Feiern fördern den sozialen Kontakt, haben eine kulturelle Bedeutung und vermitteln Freude. Die Fähigkeit, zu feiern und sich zu freuen, bleibt oft lange erhalten. Dabei feiern wir kleine und große Feste und ermöglichen allen Pflegekunden, dabei zu sein. Auch Bezugspersonen laden wir zu bestimmten Festen ein.
  7. Wir bieten Möglichkeiten der Entspannung an. Wir gestalten das Wohnumfeld so, dass es Orte zum Ausruhen und Entspannen gibt. Wir selber bewegen uns ruhig und nicht hektisch durch die Räume. Zur Entspannung setzen wir unterschiedliche Maßnahmen ein, z. B. Musik, Düfte.
  8. Wir validieren. Wir sind in Validation ausgebildet und erkennen die subjektive Lebenswelt der Pflegekunden mit Demenz an. Dazu gehören einfühlendes Verstehen und Wertschätzung. Auch das Formulieren und Berücksichtigen einer Verstehenshypothese ist ein wesentlicher Schlüssel. Mit Validation machen wir unsere Pflegekunden im Wortsinn „stark“.
  9. Wir sorgen für Halt(en). Unsere Pflegekunden zu halten bedeutet zum einen, dass wir dem Bedürfnis nach Berührung und Umarmung Rechnung tragen – sofern es unsere eigenen Grenzen erlauben. Dieses Halten ist kein Störfaktor, sondern Teil unserer Arbeit. Wenn dabei Situationen entstehen, die für uns nicht akzeptierbar sind, sprechen wir offen über Grenzen. Gleichzeitig schaffen wir einen sicheren Rahmen, z. B. über das Wohnumfeld.
  10. Wir erleichtern unseren Pflegekunden, ihre Ziele zu erreichen. Wir helfen unseren Pflegekunden zu tun, was sie anstreben. Dabei greifen wir auf die Verstehenshypothese zurück. Wir bieten unterstützende Maßnahmen an, wenn wir sehen, dass der Pflegekunde sein Ziel nicht eigenständig erreichen kann. Der Unterstützungsbedarf ist in die Informationssammlung und in die Planung von Maßnahmen durchgängig integriert.
  11. Wir ermöglichen Interaktion durch Symbole. Menschen mit Demenz reagieren positiv auf Rituale. Eine gleichbleibende Tagesstruktur sorgt z. B. für Sicherheit. Dazu kommunizieren wir im Team und im Rahmen von Fallbesprechungen. In die Tagesstruktur integrieren wir Symbole und Interaktionen, die an Bekanntem ansetzen.
  12. Wir respektieren das Bedürfnis zu geben. Annähernd alle Menschen haben das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit etwas zu verschenken, und seien es auch platt gedrückte Gummibärchen oder schon 2-mal geschmolzene Schokolade. Wir respektieren das und nehmen die kleinen Geschenke an, auch wenn wir sie nicht essen.

HINWEIS

Ich werde immer im Ohr haben, dass mir der Leiter eines Hauses für Wohnungslosenhilfe einmal gesagt hat: „Wenn wir Menschen immer nur beschenken, nehmen wir ihnen ihre Würde – jeder möchte auch geben“.

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