Mehr als 158.000 Menschen mit Migrationshintergrund und der Erkrankung „Demenz“ leben in Deutschland – Tendenz steigend. Das sollte Anlass genug sein, uns auch mit dem Thema „Kultursensible Pflege“ auseinanderzusetzen. Letztlich bedeutet das nichts anderes, als sich Gedanken über die unterschiedlichen Biografien und Bedürfnisse von Menschen aus anderen Kulturen zu machen und einen Weg zu finden, diese in der Pflege zu berücksichtigen. In der Praxis kann sich das Berücksichtigen dieses Kundenkreises schwierig gestalten – nicht nur wegen sprachlicher Barrieren, sondern auch, weil die Menschen oft Diskriminierungserfahrungen gemacht haben oder eine andere Sicht auf professionelle Pflege haben als wir in unserem Kulturkreis.
HINWEIS
In § 1 Abs. 5 SGB XI ist explizit festgeschrieben: „In der Pflegeversicherung sollen […] den Bedürfnissen nach einer kultursensiblen Pflege nach Möglichkeit Rechnung getragen werden.“
Die folgenden Tipps können Sie nutzen und mit Ihren Mitarbeitenden diskutieren – und wenn Sie Pflegekunden mit Migrationshintergrund haben, im Rahmen von Fallbesprechungen berücksichtigen:
- Denken Sie daran, dass Waschungen in anderen Kulturen etwas anders bedeuteten. Für viele Menschen in unserem Kulturkreis ist das Waschen vor allem eine Methode, um sauber zu werden. In einigen anderen Kulturen, insbesondere muslimischen und asiatischen, müssen Waschungen mit fließendem Wasser vorgenommen werden und haben oft eine religiöse Bedeutung. Versuchen Sie daher zu erfahren, wie Ihre Pflegekunden aus anderen Kulturen es gewohnt sind.
- Berücksichtigen Sie, dass Krankheit unterschiedlich gesehen wird. Je nach Kultur und Glauben kann eine Krankheit als ein medizinisches Phänomen oder aber eine Strafe oder Prüfung Gottes betrachtet werden. Daraus können die unterschiedlichsten Phänomene resultieren, z. B. das Ablehnen einer Behandlung oder einer Medikation. Hier kann es helfen, wenn Sie sich unterstützende Geistliche oder Seelsorger aus der jeweiligen Kultur holen. Bei Muslimen ist das beispielsweise der Imam. Auch ethische Fallbesprechungen sind sinnvoll.
- Informieren Sie sich zur Sicht auf Pflege und Alter. In manchen Kulturen sind ältere Menschen die wichtigsten Autoritätspersonen. Ihr Wert steigt – gleichzeitig sinkt oft die Verpflichtung zur Selbstständigkeit, die Person wird umsorgt, weil sie genug geleistet hat. Dies kann zu Missverständnissen führen, wenn wir mit unserer Idee einer aktivierenden Pflege kommen. Auch hier unterstützen Biografiearbeit und eine Beschäftigung mit der entsprechenden Kultur oder Religion. Und natürlich die Verstehenshypothese.
- Helfen Sie mit Fortbildungen, kulturelle Barrieren zu überwinden. Fortbildungen zu den großen Kulturen/Religionen sollten Sie regelmäßig auf den Plan nehmen. Vor 20 Jahren habe ich neben einer Moschee und einem deutsch-türkischen Zentrum gewohnt. Damals haben die Muslime regelmäßig die ganze Nachbarschaft eingeladen. Ich bin immer dort gewesen und hatte gute Kontakte zu den Nachbarn und ihrem Imam. Er war schon damals sofort bereit, eine Fortbildung in unserem ambulanten Pflegedienst zu geben, weil wir viele Pflegekunden mit türkischem Migrationshintergrund hatten. Leider scheitern solche Kooperationen manchmal an Vorbehalten. Dabei gibt es viele Bestrebungen muslimischer Gemeinden, sich zu integrieren und ihre Kultur hier zu leben. Sehen Sie sich doch einmal um. Ein Geistlicher aus einem anderen Kulturkreis kann ganz anders fortbilden als wir mit einem Buch.
- Setzen Sie muttersprachliches Personal ein. Es versteht sich von selbst, soll dennoch erwähnt sein: Wenn Sie die Möglichkeit haben, Pflegende einzusetzen, die die Kultur und Sprache kennen: wunderbar! Sie sollten dann bezugspflegend sein, dolmetschen und vermitteln.
- Ermöglichen Sie das Leben der Religion. Erfragen Sie im Rahmen der Informationssammlung die Bedürfnisse Ihrer Pflegekunden mit Demenz zur Religion und versuchen Sie, diese zu erfüllen. Nehmen Sie dieses Thema auch ernst, wenn die Pflegekunden selbst sich gar nicht mehr dazu äußern können. Die letzte Studie, die sich explizit damit beschäftigt hat (Städler-Mach, 2009), kam zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Demenz in ihrem Verhalten Hinweise darauf liefern, dass ihnen Religiosität und Spiritualität wichtig sind. Vielfach ist uns das gar nicht so bewusst.
- Berücksichtigen Sie Ernährungsgewohnheiten. Dieser Aspekt steht in enger Wechselwirkung zu den religiösen Bedürfnissen. Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens essen keine Lebensmittel mit Schwein – auch nicht mit Gelatine. Und selbst wenn sie an einer Demenz erkrankt sind und das vielleicht vergessen haben: Aufgabe professioneller Pflege ist es, dazu Maßnahmen zu planen. Das schließt z. B. auch den Fastenmonat Ramadan ein. Hier müssen Sie sorgfältig abwägen, insbesondere wenn Ernährungsrisiken bestehen.
- Denken Sie an die Geschlechterbeziehungen. Ein heißes Eisen, ich weiß. Jedoch sind die Vorstellungen der Rollen von Männern und Frauen kulturell nun einmal zum Teil unterschiedlich. So kann es durchaus sein, dass Ihre Pflegekundin mit Demenz stark herausforderndes Verhalten zeigt, wenn sie von einem Mann versorgt werden soll. Oder Ihr Pflegekunde zeigt Frauen gegenüber abwertende Verhaltensweisen. Auch hier helfen ethische Fallbesprechungen.
Mein Fazit: Wir müssen noch einiges lernen
Der große Bedarf an einer professionellen Pflege und Beziehungsarbeit in der Versorgung von Menschen mit Demenz liegt klar auf der Hand. Gleichzeitig müssen wir noch viel lernen, forschen und an unserer Haltung arbeiten. Die gesellschaftlichen und weltpolitischen Herausforderungen, wie z. B. die Migration, sind zusätzliche Themen, die uns beschäftigen werden.
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