Fallbesprechung des Monats

„Nicht ausziehen!“ – wie Sie professionell reagieren, wenn Betroffene sich entkleiden

Es passiert immer wieder: Ein Pflegekunde zieht sich plötzlich aus – und das mitten im Speisesaal oder während einer Gruppenaktivität. Angehörige sind peinlich berührt, Mitbewohner reagieren verärgert und für Sie […]

Jochen Gust

21.04.2025 · 4 Min Lesezeit

Es passiert immer wieder: Ein Pflegekunde zieht sich plötzlich aus – und das mitten im Speisesaal oder während einer Gruppenaktivität. Angehörige sind peinlich berührt, Mitbewohner reagieren verärgert und für Sie als Pflegekraft bedeutet es zusätzlichen Aufwand. Sie müssen nicht nur die Situation lösen, sondern auch die Würde des Betroffenen wahren und mögliche Konflikte entschärfen. Doch warum kommt es überhaupt zu diesem Verhalten? Und was können Sie konkret tun, um solche Situationen zu verhindern oder professionell darauf zu reagieren?

F ALLBEISPIEL: Entkleidung im Aufenthaltsraum

Herr F., ein Pflegekunde mit fortgeschrittener Alzheimer-Demenz, wurde nach einem unproblematischen Kurzzeitpflegeaufenthalt in die stationäre Langzeitpflege übernommen. Seit einigen Wochen zieht er sich mehrmals täglich vollständig aus.

Er kann nicht erklären, warum er das tut, reagiert aber gereizt bis aggressiv auf Zurechtweisungen. Mehrfach mussten Pflegekräfte und Betreuungskräfte Handgreiflichkeiten zwischen Mitbewohnern verhindern.

Das Team ist zunehmend belastet: Das wiederholte Ankleiden nimmt viel Zeit in Anspruch, Betreuungsangebote werden unterbrochen, und es entsteht erhebliche Unruhe auf der Station.

Ursachen erkennen:

  • Warum ziehen sich Menschen mit Demenz aus? Statt das Verhalten Ihres Pflegekunden als Provokation oder Ungezogenheit zu sehen, sollten Sie nach den Ursachen suchen. Meist gibt es eine Kombination mehrerer Faktoren:
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Menschen mit Demenz verlieren nach und nach die Fähigkeit, soziale Normen und Konventionen zu beachten. Sie erinnern sich möglicherweise nicht daran, dass es unangebracht ist, sich z. B. in einem Gemeinschaftsraum zu entkleiden. Anwesende können für Partner oder Familie gehalten werden, weswegen das Ausziehen nicht als problematisch empfunden wird.
  • Wohlbefinden und Komfort: Manche Menschen entkleiden sich, weil sie sich unwohl fühlen. Sie empfinden ihre Kleidung als störend, zu eng oder als unangenehm.
  • Überhitzung oder Kälteempfinden: Ein verändertes Temperaturempfinden kann dazu führen, dass sich Betroffene entkleiden, um sich abzukühlen oder weil sie das Gefühl haben, die Kleidung sei unangemessen.
  • Verwirrung über Tag und Nacht: Einige Menschen mit Demenz verwechseln Tageszeiten und denken beispielsweise, es sei Zeit zum Schlafen.
  • Gewohnheiten aus früheren Zeiten: Wer früher oft unbekleidet herumlief, etwa aus kulturellen oder individuellen Gewohnheiten, könnte dies auch in ungewohnter oder neuer Umgebung fortführen.
  • Toilettenbedarf: Manche Betroffene entkleidet sich, weil sie zur Toilette müssen, dies aber nicht kommunizieren können oder den Weg dorthin nicht finden. Das geschieht auch, wenn es keinen Handlungsplan mehr gibt, nur die dafür notwendige Kleidung ausbzw. herunterzuziehen.
  • Sexuelle Bedürfnisse oder Verwirrung: Auch wenn Demenz oft zu einem Nachlassen des Sexualtriebs führt, können sexuelle Impulse oder ein Bedürfnis nach Nähe eine Rolle spielen.
8 Strategien für den professionellen Umgang mit Entkleidung
StrategieMaßnahmen
Ruhe bewahren und nicht beschämenStatt den Betroffenen zu tadeln oder zu schimpfen, sollte mit einer ruhigen Stimme und wertschätzender Sprache reagiert werden. Vergessen Sie nicht: Das Tadeln hat keinen „Lerneffekt“, sondern kann die Situation weiter verschärfen.
Sofortiges HandelnDem Betroffenen kann eine Decke oder ein Kleidungsstück gereicht werden, um ihn zu bedecken, ohne Hektik zu verbreiten. Es gilt in jedem Fall, seine Würde zu schützen und auch die Interessen anderer Anwesender zu achten. Falls möglich, führen Sie den Betroffenen aus dem Raum und bekleiden ihn an einem geschützten Ort.
UrsachenforschungÜberprüfen Sie in der Folgezeit, ob ein konkretes Bedürfnis (Toilettengang, Temperatur, Unwohlsein) vorliegt. Stellen Sie das fest, haben Sie einen Ausgangspunkt – z. B. um ein gezieltes Profil mit Uhrzeiten für Toilettengänge anzufertigen, wenn das die Ursache ist.
Räumliche VeränderungenWann immer möglich, sollte der Betroffene in eine weniger öffentliche Umgebung geleitet werden, wenn es akut ist. Insbesondere wenn der Drang, sich zu entkleiden, nicht beeinflusst werden kann, kann es eine Lösung sein, den Betroffenen in seinem Zimmer oder einem Raum gewähren zu lassen, wo es niemanden stört.
Passende KleidungZu fest oder zu eng sitzende Kleidung muss ausgetauscht werden. Prüfen Sie, ob Alternativen zur Verfügung stehen. Bitten Sie ansonsten Angehörige um neue Kleidung. Möglich ist auch, dass bestimmte Stoffarten abgelehnt oder nicht vertragen werden – auch dann muss ausgetauscht werden.
Körperliche Bedürfnisse beachtenRegelmäßige Toilettengänge und eine angenehme Raumtemperatur können das Bedürfnis nach Entkleidung verringern.
Kommunikation mit AngehörigenAngehörige können wertvolle Hinweise darauf geben, ob das Verhalten früher bereits auftrat oder ob es durch Veränderungen in der Umgebung verstärkt wurde. Das hilft Ihnen, möglichen Ursachen auf die Spur zu kommen. Außerdem haben Sie im Gespräch die Möglichkeit, Druck von Angehörigen zu nehmen.
Fachärztliche AbklärungFalls das Verhalten neu auftritt oder sich verstärkt, kann ein Arzt prüfen, ob eine medizinische Ursache oder eine Nebenwirkung von Medikamenten vorliegt.

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