FALLBESPRECHUNG DES MONATS

So tappen Sie nicht in die „Demenzschub“-Falle

Demenzerkrankungen schreiten immer weiter fort, die kognitiven Einbußen nehmen zu und der Betreuungs- und Pflegebedarf steigen. Das alles geschieht über Zeit. Deshalb spricht man von chronisch progredientem Erkrankungsverlauf. Wenn Menschen […]

Jochen Gust

01.11.2024 · 3 Min Lesezeit

Demenzerkrankungen schreiten immer weiter fort, die kognitiven Einbußen nehmen zu und der Betreuungs- und Pflegebedarf steigen. Das alles geschieht über Zeit. Deshalb spricht man von chronisch progredientem Erkrankungsverlauf. Wenn Menschen mit Demenz sich plötzlich verändern, z. B. von jetzt auf gleich das Essen einstellen, verwirrt und durcheinander oder extrem agitiert sind oder sehr plötzlich „abbauen“, sind das Alarmsignale. Fälschlicherweise wird hier oft von einem Demenzschub gesprochen. Und weitere, manchmal lebensrettende Maßnahmen, bleiben aus.

BEISPIEL : Frau M. ist so ruhig

Anna M. lebt seit vier Jahren mit fortgeschrittener Alzheimererkrankung im Pflegeheim. Bislang war sie am Rollator leidlich mobil, nahm an Veranstaltungen der Betreuung teil. Die verbale Ausdrucksfähigkeit war deutlich beschränkt, aber in Teilen (einfache Sätze oder Ein-Wort-Sätze) noch erhalten. Zeitweise erkannte sie ihre Tochter noch.

Am 26. Juni dieses Jahres berichtete ein Teammitglied in der Übergabe, dass Frau M. seit Tagen scheinbar gar nicht mehr spricht und ohne Hilfe auch am Rollator extrem unsicher geht, stark sturzgefährdet ist. Sie wirkt schwach und in sich gekehrt.

Im Team geht man davon aus, dass Frau M. einen „Demenzschub“ habe. Es wird entschieden, ihr mehr Ruhezeiten zu gönnen und bei Bedarf das Essen anzureichen. Eine einmalige Blutdruckmessung schien unauffällig (leicht erniedrigter Wert).

Der behandelnde Arzt wurde darüber informiert, dass Frau M. „abgebaut“ habe, woraufhin dieser das Risperidon reduzierte.

Eine grundlose Veränderung gibt es nicht!

Ein Demenzschub ist weder ein pflegefachlicher noch medizinisch definierter Begriff. Häufig wird er verwendet, um eine plötzliche Veränderung im Verhalten und/ oder der kognitiven Leistungsfähigkeit von Menschen mit Demenz zu beschreiben.

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, solange der Begriff nicht zur Haltung wird, die dazu führt, dass notwendige Maßnahmen unterbleiben. Als Pflegefachperson dürfen Sie sich mit der Erklärung, dass eine Person „halt abgebaut“ hat, nicht abfinden, wenn dies innerhalb von Stunden oder Tagen geschieht. Für Sie ist das Wort „Demenzschub“ nur ein Hinweis, jedoch keine Erklärung.

Testen Sie jetzt „Demenzpflege im Fokus“ und profitieren Sie von einer maßgeschneiderte Unterstützung für Pflegefachkräfte in der Demenzversorgung!

Jede Ausgabe beinhaltet aktuelle Fallbesprechungen aus dem Pflegealltag, Expertenwissen zur Demenzpflege, bewährte Ansätze zur Beziehungsgestaltung, spezialisiertes Know-how zur Versorgung im Spätstadium sowie praxisorientierte Tipps für eine effektive Kommunikation und Pflegeplanung.