Fallbesprechung des Monats

Traumasensible Pflege: 3 konkrete Schritte für Ihre Pflegepraxis

In Ihrem Berufsalltag begegnen Ihnen oft Verhaltensweisen, die Sie vielleicht unter „typisch Demenz“ verbuchen. Aggression, Rückzug, Misstrauen, plötzliche Angst oder Unruhe. Doch nicht immer ist die Ursache rein den kognitiven […]

Jochen Gust

28.08.2025 · 2 Min Lesezeit

In Ihrem Berufsalltag begegnen Ihnen oft Verhaltensweisen, die Sie vielleicht unter „typisch Demenz“ verbuchen. Aggression, Rückzug, Misstrauen, plötzliche Angst oder Unruhe. Doch nicht immer ist die Ursache rein den kognitiven Beeinträchtigungen der Demenz geschuldet. Traumatische Erfahrungen, oft Jahrzehnte zurückliegend, können im Alter erneut wirksam werden – besonders bei Menschen mit Demenz. Wissen um das Thema Trauma und Demenz ermöglicht Ihnen traumasensibel zu handeln, akute Krisen zu vermeiden, Vertrauen aufbauen – und den Pflegealltag für alle Beteiligten spürbar zu erleichtern.

BEISPIEL: Wie Herr R. Witwer wurde

Herr R. lebte bis zu seinem Einzug in die Pflegeeinrichtung zurückgezogen, aber strukturiert in seiner Wohnung. Nach dem Tod seiner Frau 2015 geriet sein Leben aus dem Gleichgewicht. Die beiden hatten keine Kinder und seine Frau war sein Lebensmittelpunkt. Sie starb unerwartet während einer ambulanten Operation – Herr R. war allein im Wartezimmer und erhielt die Todesnachricht durch einen überforderten Assistenzarzt, der ihn wortlos stehen ließ. Seitdem entwickelte Herr R. starke Verlustängste, konnte über das Ereignis nie sprechen. In der Einrichtung zeigt er sich oft ruhig, aber in bestimmten Situationen plötzlich sehr unruhig:

  • Wenn eine Pflegekraft das Zimmer wortlos betritt.
  • Wenn er allein zur Toilette begleitet wird.
  • Wenn sich jemand im Hintergrund laut räuspert oder geht, während er sitzt.
  • Er meidet medizinisches Personal, besonders mit OP-Kleidung oder Namensschildern.

Sein Verhalten wurde zunächst als „Unruhe“, „Misstrauen“ oder „fortschreitende Demenz“ eingestuft.

Traumata sind seelische Wunden, verursacht durch überwältigende Ereignisse wie Verlust, Vernachlässigung, Gewalt, Unfälle, vor allem gepaart mit massiven Ohnmachtserfahrungen. Gerade hochaltrige Menschen tragen häufig unverarbeitete Erinnerungen mit sich – oft lebenslang verdrängt. Aber nicht vergessen.

Mit zunehmender Hilfsbedürftigkeit, dem Verlust gewohnter Strukturen oder bei Konfrontation mit bestimmten Reizen können diese seelischen Wunden reaktiviert werden. Besonders gefährdet sind Menschen mit Demenz – ihre kognitiven Filter fehlen, alte Erlebnisse brechen durch, ohne sprachlich oder rational eingeordnet werden zu können. Reaktion des Pflegeteams – Beobachtung, Hypothese, Lösung

Beobachtung und Austausch

Zunächst wurde das Verhalten als „herausfordernd“ dokumentiert. Ein interdisziplinäres Teamgespräch brachte erste Hypothesen. Eine Bezugspflegekraft erinnerte sich an frühere Gespräche mit Herrn R., in denen dieser stets ausweichend auf Fragen zum Tod seiner Frau reagiert hatte. Eine weitere Kollegin brachte die Möglichkeit eines nicht verarbeiteten traumatischen Verlustes ein.

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