Leserfragen

„Warum ist das Hemd nicht gebügelt?“ Souveränität bei spitzfindigen Angehörigen

Frage: „Als PDL erreichen mich vermehrt Beschwerden meiner Teams über Angehörige, die jede Kleinigkeit kommentieren. Ob es ein Fleck auf dem Tischtuch ist, die vermeintlich zu spät gereichte Zwischenmahlzeit oder […]

Marcel Faißt

23.04.2026 · 1 Min Lesezeit

Frage: „Als PDL erreichen mich vermehrt Beschwerden meiner Teams über Angehörige, die jede Kleinigkeit kommentieren. Ob es ein Fleck auf dem Tischtuch ist, die vermeintlich zu spät gereichte Zwischenmahlzeit oder die Frage, warum das Hemd nicht exakt so geknöpft ist wie zu Hause – meine Mitarbeiter fühlen sich kontrolliert und in ihrer Fachlichkeit herabgesetzt. Wie können wir diesen Dingen professionell begegnen, ohne dass die Situation eskaliert oder wir uns rechtfertigen müssen? (Thomas Z., Offenbach)

Antwort: Das Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen, ist für Pflegekräfte extrem belastend. Doch hinter spitzfindigen Fragen steckt oft weniger böse Absicht als vielmehr ein tief sitzendes emotionales Bedürfnis der Angehörigen. Viele Angehörige leiden unter massiven Schuldgefühlen, weil sie die Pflege abgegeben haben. Ihre Detailversessenheit bei Kleinigkeiten ist oft ein Versuch, trotz der Abgabe der Verantwortung noch Wirksamkeit und Kontrolle auszuüben. Sie „kümmern“ sich über den Umweg der Kritik.

In der Praxis hilft es, diese Energie umzulenken. Anstatt in die Rechtfertigung zu gehen („Wir hatten heute 3 Notfälle“), sollten Pflegekräfte das dahinterliegende Gefühl validieren. Eine Antwort wie:

„Ich sehe, wie wichtig Ihnen das gepflegte Erscheinungsbild Ihres Vaters ist“, nimmt oft den Wind aus den Segeln. Es geht darum, den Angehörigen als Experten für die Biografie des Bewohners anzuerkennen, während wir die Experten für die Pflege sind. Wenn spitzfindige Fragen den Arbeitsfluss stören, ist es legitim zu sagen: „Ich möchte mir Zeit für Ihr Anliegen nehmen, bin aber gerade in einer Versorgung. Lassen Sie uns das beim Übergabegespräch kurz besprechen.“ Das schafft Struktur und schützt die Mitarbeiter vor ständiger Unterbrechung.

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